UNFINISHED BUSINESS

Giga Brunner – Vibrafon
Helmut Dinkel – Saxofon
Roland Spieth – Trompete
Johannes Frisch – Kontrabass
Cornelius Veit – Gitarre
Josef Steiner-Faath – Perkussion

Gegründet vor ca. 10 Jahren – zunächst als loser Zusammenschluss von Musikern in wechselnden Besetzungen vom Trio bis hin zur Big Band spielt das Improvisationsensemble „Unfinished Business“ nun seit einigen Jahren in einer festen Sextettbesetzung. Im Mittelpunkt steht dabei das frei improvisierende Spiel im Grenzbereich von zeitgenössischen Jazz und neuer Musik. Obwohl die Musiker sehr unterschiedlich sind was ihre musikalische Herkunft und Spielweisen betrifft, findet die Gruppe dennoch zu einem klaren wiedererkennbaren Gesamtklang zusammen. Die Nichtfestlegung auf einen vorherrschenden musikalischen Stil bringt natürlich besondere Herausforderungen mit sich: Wenn sich z.B aus einem monolithischen Einheitsklang eine zunehmend heterogene Passage entwickelt, schaffen es die einzelnen Musiker in besonderem Maße aufeinander hören und zu reagieren. „Unfinished Business“ kann auf diese Weise durchaus mal wie eine groovende Elektrik-Fusionband der 70 er klingen, dann wieder freejazzig oder auch ganz konventionell melodiös – um dann in einem abstrakten Klangfarbenteppich aus akustischen und elektronisch verfremdeten Geräuschen zu enden. Dass die Musiker dabei mit ihren Instrumenten des öfteren einen recht unorthodoxen Umgang pflegen, ergibt sich wie von selbst. So kann z.B. der Kontrabass schon mal wie ein knarzendes Stück Holz klingen, die Trompete wie eine Windmaschine oder die präparierten E-Gitarrensaiten werden angeblasen statt angezupft. Alles ist in flirrender Bewegung, reduziert sich und faltet sich wieder neu auf, wie bei einem Fächer.

Auszug aus der Kritik zum Konzert am 27.12.15 in der Orgelfabrik Durlach:

Klänge wie ein Kurosawa-Film

Toshiro Mifune  ist seit 18 Jahren tot, aber hier, in der Orgelfabrik in Durlach, ist er dennoch anwesend. Nicht figürlich, nicht in Bildern, nicht im Wort, ja vermutlich noch nicht einmal mit Absicht, denn ob die sechs Musiker des Ensembles Unfinished Business wirklich an die Filme  Akira Kurosawas gedacht haben, als sie ihre Musik spielten, bleibt nichts weiter als Spekulation. Die Musik aber, die evoziert  die Werke des japanischen Meisterregisseurs, denen Mifune sein Gesicht auflegte. Man möchte Mifune zu den Klängen des Ensembles  durch jene heruntergekommene Stadt streifen sehen, wie sie in „Yojimbo“ gezeigt ist, man will ihn dazu kämpfen sehen wie in „Shichinin no Samurai“ und sich zu dieser Musik im Spinnwebwald verirren[…]
Insgesamt vier längere Stücke improvisierter Musik erklangen im gut besuchten Konzert in der Orgelfabrik. Wie aber klang sie und warum der Gedanke an Mifune, Kurosawa und Japan? Deswegen, weil diese Musik die Wiederholung von melodischen Phrasen – ein wichtiges Merkmal traditioneller europäischer Musik – vollkommen vermied und auf naturnahe Klänge setzte, was wiederum ein Merkmal klassischer japanischer Musik ist.
Selbst das Erklingenlassen von eindeutig melodischen Tönen wurde weitgehend gemieden. Vielmehr setzten die Musiker ihre Instrumente auch als reine Klang- und Geräuscherzeuger ein. Der Kontrabass wurde so zu einem knarzenden Stück Holz, die Trompete eine Windmaschine, das Schlagzeug wurde zu allem, was rasseln und klappern kann und das Vibrafon, mit einem Bogen gestrichen,, sorgte im Verbund mit Gitarre und Saxofon für quietschende Scharniere und alles was durchdringend uns schrill sein mag.
Mit den Geräuschen nach Sturm oder frischer Brise hielten auch die Jahreszeiten metaphorischen Einzug in die Musik. Und an dieser Stelle schließt sich der Gedanke an Japan an, denn dieser, durch eine Metapher ausgelöste Bezug zu einer Jahreszeit, ist ein Stilelement des Haiku und heißt auf japanisch „Kigo“. Durch eine nach solcher Art aufgebauten Musik konnte man dann, wenn man wollte, seinen inneren Kurosawa ablaufen lassen. Vielleicht auch den inneren Sergio Leone, aber den Italo-Western hätte es ohne Kurosawa ohnehin nicht gegeben. Wer das nicht wollte, der erlebte einfach nur eine faszinierend vielfältige Musik, fernab von populärer Konfektion. Eine Musik, die auch vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurde und Vorfreude auf das nächste Konzert von Unfinished Business machte.

Jens Wehn, Badische Neueste Nachrichten 29.12.2015