UNFINISHED BUSINESS

Giga Brunner – Vibrafon
Helmut Dinkel – Saxofon
Roland Spieth – Trompete
Johannes Frisch – Kontrabass
Cornelius Veit – Gitarre
Josef Steiner-Faath – Perkussion

Gegründet vor ca. 10 Jahren – zunächst als loser Zusammenschluss von Musikern in wechselnden Besetzungen vom Trio bis hin zur Big Band spielt das Improvisationsensemble “Unfinished Business” nun seit einigen Jahren in einer festen Sextettbesetzung. Im Mittelpunkt steht dabei das frei improvisierende Spiel im Grenzbereich von zeitgenössischen Jazz und neuer Musik. Obwohl die Musiker sehr unterschiedlich sind was ihre musikalische Herkunft und Spielweisen betrifft, findet die Gruppe dennoch zu einem klaren wiedererkennbaren Gesamtklang zusammen. Die Nichtfestlegung auf einen vorherrschenden musikalischen Stil bringt natürlich besondere Herausforderungen mit sich: Wenn sich z.B aus einem monolithischen Einheitsklang eine zunehmend heterogene Passage entwickelt, schaffen es die einzelnen Musiker in besonderem Maße aufeinander hören und zu reagieren. “Unfinished Business” kann auf diese Weise durchaus mal wie eine groovende Elektrik-Fusionband der 70 er klingen, dann wieder freejazzig oder auch ganz konventionell melodiös – um dann in einem abstrakten Klangfarbenteppich aus akustischen und elektronisch verfremdeten Geräuschen zu enden. Dass die Musiker dabei mit ihren Instrumenten des öfteren einen recht unorthodoxen Umgang pflegen, ergibt sich wie von selbst. So kann z.B. der Kontrabass schon mal wie ein knarzendes Stück Holz klingen, die Trompete wie eine Windmaschine oder die präparierten E-Gitarrensaiten werden angeblasen statt angezupft. Alles ist in flirrender Bewegung, reduziert sich und faltet sich wieder neu auf, wie bei einem Fächer.

Folgend die Kritik zum Konzert von Unfinished Business am 28.12.2019 in der Orgelfabrik Durlach

Jenseits der Erwartungen

Ein Vogelzwitschern der Gitarre von Cornelius Veit. Ein Singen vom mit dem Geigenbogen gestrichenen Vibrafon Giga Brunners. Ein Kontrabasssummen Johannes Frischs in der Tiefe. Ein Rauschen der tonlos geblasenen Trompete von Roland Spieth. Das trockene Schlagen auf einen Holzblock vom Perkussionisten Josef Steiner-Faath und Helmut Dinkels flatternder Ton des Sopransaxofons. Zwitschern, Singen, Summen, Rauschen, Schlagen, Flattern: So nach aufblühender Natur klingt diese Musik und eigentlich gar nicht der Jahreszeit angepasst. Aber Anpassung ist nichts, was man dieser Band nachsagen könnte: Wir sind bei Unfinished Business in der Halle der Durlacher Orgelfabrik, dort, wo stets zwischen den Jahren das sechsköpfige Improvisationsensemble einem mittlerweile erstaunlich großem Publikum zeigt, wie Musik klingen kann, wenn sie sich der Schablone verweigert.

Die Naturgeräuschkulisse baut sich auf. So etwas wie Soli von Gitarre und Bass schälen sich heraus. Man hört: Die Musiker nehmen keine Motive voneinander ab, sondern es ist der musikalische Gestus, der fortgeführt oder dem widersprochen wird. Es ist eine Musik, die hinhören lässt. Und dies gar nicht, weil die Spielweisen so ungewöhnlich wären – sie sind es nur, nimmt man den Unterhaltungsbetrieb zum Maßstab. Klappenspiel, angestrichene Vibrafonmetalle, den Kontrabass als Perkussionsinstrument, hart angepresste Saiten oder tonloses Blasen sind in der Neuen Musik seit Jahrzehnten kanonisierte Spielweisen. Ungewöhnlich ist diese Musik, weil sich hier nichts wiederholt. Nicht rhythmisch, nicht motivisch. Das Prinzip des „Nochmalsagens“ ist in der europäischen Musik seit dem späten 13. Jahrhundert verankert und zieht sich bis heute durch Kinderlieder, Klassik, Jazz und Pop. Erst dadurch konnte Musik überhaupt einen Takt entwickeln. Die Musik von Unfinished Business ist dagegen auf ihre Weise aufreizend taktlos (musikalisch und infolgedessen auch für die Rezeption).

Manchmal, wenn die Gitarre zur Vermutung eines Riffs ansetzt wie etwa im zweiten von insgesamt vier Stücken des gut zweieinhalbstündigen Abends – nur leise, aber immerhin – findet sich schon ein Instrument, das nicht einverstanden ist. In diesem Fall war es die Trompete, die watschelnd, (weil gestopfte Trompeten immer nach Ente klingen) die Riffpräzision durchkreuzte. Das war nicht nur schön anzuhören, das war auch witzig.

Denn eines muss man sagen: So fremd die Musik jemanden ins Ohr klingen muss, der so etwas zum ersten Mal hört, so neugierig kann sie machen. In keinem Fall ist diese Musik eine trockene Sache. Sie ist lebendig, gerade weil sie sich den Erwartungen entzieht. Unfinished Business ist in Karlsruhe ein Solitär, daran kann kein Zweifel sein.

Jens Wehn / Badische Neuste Nachrichten